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Auf der anderen Seite der Ampel wartet er. Ein unscheinbarer, leicht ergrauter Herr mit dunkler Brille und einer Plastikttüte in der Hand. Während der Wind rau über die Straße peitscht, schreitet der Mann würdevoll zur anderen Seite hinüber. Wir hoffen darauf, in ihm einen Berliner zu treffen, der zu einem Gespräch für eine Reportage, die wir im Rahmen eines Seminars schreiben sollen, bereit ist. Als er dann vor uns steht, schaut er erstaunt hoch.
Er ist nicht groß, fast klein, und seine Augen schauen angestrengt zu uns hinauf. Seine Wangen sind eingefallen und ein Drei-Tage-Bart rahmt sein müdes Gesicht ein. Ob dieser Mann für uns Zeit hat?
„Nein, ich muss zur Chemo.“ Stille. Die Antwort kommt sofort, ohne großes Zaudern, ohne eine Spur von Verbitterung oder Wehmut. In seiner leisen, aber warmen Stimme liegt ein Ton großer Stärke. Wir begleiten ihn ein Stück. „Na gut, ich laufe zwar ein bisschen unsicher, aber im Kopf bin ich eigentlich noch ganz klar“, sagt er und lacht.
So locker und lustig dieser Satz auch ist, so gegenteilig gestaltete sich sein Leben. In Berlin lebe er nun wieder seit 1967, geboren wurde er hier aber schon 1944. In seinem ruhigen, abgeklärten Tonfall erklärt er uns, dass seine Eltern im Krieg vergast wurden. Einfach so sagt er uns das, ohne Vorwarnung. Was für ihn die tägliche Erinnerung ist, versetzt uns sofort einen Hieb in den Bauch.
Damit ist aber längst nicht alles gesagt. Er erzählt mit einer gewissen Leichtigkeit, mit einem Lächeln im Gesicht über sein Leben. Fast so, als wenn ihn das Schicksal, über das er gerade berichtet, nichts anginge. Dabei verzichtet der Mann auf große Gesten und großen Wortschwall, ebenso nüchtern ist seine Mimik. Sein Gesicht wirkt dabei nicht versteinert und in seinen Augen liegt der Schmerz, die ganzen schrecklichen Erfahrungen eines langen Lebens.
Nach dem grausamen Tod seiner Eltern lebte er in verschiedenen Kinderheimen. Als kleiner Knirps sei er dann in die Kirche gegangen. „Damals war das mein Geheimnis, das durfte ja keiner wissen.“
Über seine regelmäßigen Messebesuche sei auch der Pfarrer sehr verwundert gewesen, blickt der nun 67-jährige zurück. Der Pfarrer führte ihn dann an ein Theologie- und Philosophie-Studium heran.
Schnell ergibt sich die Frage, ob er denn an Gott glaube. „Ich glaube an Gott, aber nicht an den Gott der Kirche. Ich glaube an einen Gott, der mir in guten wie in schlechten Zeiten beisteht. So wie jetzt, in der Chemo“.
Und auf der nächsten Seite: Der Mann ohne Namen erzählt uns von einem Ereignis, das sein Leben veränderte.





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