Interview mit Dirk Benninghoff
Dirk Bennighoff ist 40 Jahre alt und Nachrichtenchef bei stern.de. Bei facebook hat er eine eigene, tägliche Video-Kolumne. Hier stellt er sich meinen Fragen zu seiner Karriere und rund um die Zukunft des Online-Journalismus:

Eine erste Frage erstmal zu deiner Person: Wie lange bist du schon bei stern.de
Seit März 2008.

Welche Umwege führten dich hier in diese Redaktion?
Ich habe eine Volontariat beim “Schleswig-Holsteinschen Zeitungsverlag” gemacht, einem Regionalzeitungsverlag in Flensburg – ziemlich groß – von Juli 1995 bis Sommer 1997 [...] Ich also mein Volontariat gemacht und gleichzeitig schon als Redakteur gearbeitet.Dirk Benninghoff
Ab März 1997 war ich dann weg. Über Kontakte – meinen Cousin – bin ich dann bei der “dpa” gelandet. Die haben damals einen neuen Wirtschaftsdienst aufgebaut, dpa-AFX heißt er heute. Das war Ende 1998, ich bin dann in die Aufbauredaktion – erst haben wir “rumexperimentiert”, dann haben wir uns einen “Joint-Venture”*-Partner gesucht (dpa-AFX). Insgesamt war ich dort nur neun Monate. Das war in Frankfurt, dann zog es mich nach Berlin. Bei der Berliner Morgenpost habe ich als Wirtschaftsredakteur gearbeitet – dort war ich etwas über zwei Jahre. Dann wurden Stellen gestrichen: die beiden Springer-Zeitungen “Morgenpost” und “Welt” waren zusammengelegt worden – ich habe da also den Job verloren, eine Abfindung gekriegt und bin dann im Sommer 2002 bei der Financial Times Deutschland angefangen….

(*Anm.d.Red: Joint-Venture beschreibt eine selbstständige Tochtergesellschaft, eine Geschäftseinheit von zwei oder mehreren wirtschaftlich und rechtlich unabhängigen Unternehmen, die beide mit Kapital beteiligt sind)

…die sitzen auch hier in Hamburg…
Genau – ich bin jedoch erst zwei Jahre in Frankfurt als Börsenkorrespondent gewesen und dann hier in die Zentrale nach Hamburg gekommen. Dort war ich dann zuletzt auch Nachrichtenchef für die Online-Seite. Also quasi die gleiche Position, die ich jetzt auch hier besetze. Da war ich dann fast sechs Jahre – von Sommer 2002 bis März 2008 und seitdem bin ich dann hier.

Bist du hier direkt als Nachrichtenchef angestellt worden?
Ja, ganz genau!

Vielleicht ganz interessant für unsere Leser: Hast du früher Schülerzeitung gemacht?
Nein, wir hatten keine! Ich war auf einem Landwirtschaftsgymnasium und da gab es keine. Aber ich hab’ mich um die Abi-Zeitung gekümmert! Sonst war ich relativ faul, was so freiwillige Dinge außerhalb der Schule anging…

Wie gefällt dir die Online-Arbeit generell? Vorher hast du ja nur Agentur oder Print-Arbeit gemacht…
Find ich super und sehr spannend! Ist auch sehr zeitgemäß – weil man ganz andere Möglichkeiten der journalistischen Aufbereitung hat. Es läuft weniger über Text und mehr auch über Bilder, Videos, Grafiken. Vernetzung find ich gut, der Konkurrenzkampf ist nicht so groß, man verlinkt auf andere Seiten: das wird auch gefordert. Wir verlinken sogar manchmal auf “Spiegel-online”. Diese offene Welt, das find’ ich eigentlich sehr interessant, sehr spannend. Was die Arbeit erschwert ist eigentlich so dieses Gefühl, dass die Arbeit nie fertig ist. So eine Seite ist immer dynamisch, es ist immer im Prozess, du kannst immer noch etwas verbessern und du bist nie in einem fertigen Zustand – es sei denn man betrachtet den fertigen Zustand als die Zeit zwischen elf und sechs Uhr. Aber selbst da würde ich ja sogar bei wichtigen Sachen noch eingreifen und diese verändern. Ab und zu nervt das. Man hat nicht so diesen Erfolg, wie wenn man eine schöne fertige Zeitung in der Hand hat, ein fertiges Produkt, schöne Geschichten. Man kann besser darüber urteilen; die Selbstreflexion fällt bei einer Online-Sache schwerer. Man ist aber auch nie so richtig von der Arbeit getrennt, weil die Arbeit nie fertig ist.

Und fühlt man sich dann so ein bisschen getrieben?
Ja durchaus. Am Wochenende oder wenn ich nicht arbeite gehe ich bewusst nicht auf unsere Seite [...] Wenn ich mir allerdings die Seite angucke, mache ich das immer unter dem Aspekt “kann man noch etwas verbessern?” und das ist dann irgendwie auch die Gefahr – manchmal braucht man halt auch Abstand für ein paar Tage.

Das heißt auch man hat nie ein richtiges Endergebnis…
…nein, das Projekt ist nie fertig!

Ich merke das jetzt selbst hier in der Redaktion – auslaufende Stellen werden nicht neu besetzt und an vielen Stellen wird gekürzt. Wie siehst du die Zukunft für den Online-Journalismus?
Stimmt, da bist du in einer kritischen Phase gekommen, so etwas bleibt nicht aus. Die Zukunft “online” sieht langfristig sicher so aus, dass Stellen wieder besetzt werden und man Personal ausbaut. Kurzfristig sind wir natürlich sicher in einer schwierigen wirtschaftlichen Phase, wo vielen Verlagen die Geduld fehlt, das muss man natürlich auch sagen. Ich hoffe nur nicht, dass wir so weit heruntergefahren werden, dass wir irgendwann wieder aufholen müssen gegenüber der Konkurrenz. Das hat “Spiegel-Online” zum Beispiel sehr gut gemacht, da waren wir in der Krise 2002/2003. Sie haben dort Stand gehalten und an “Online” geglaubt, zu Recht, und sind nicht eingeknickt. Da sehe ich bei vielen Medien im Moment einen anderen Trend und hoffe, dass sich das wieder umkehrt. Denn ich glaube schon, dass “Online” die Publikationsform der Zukunft ist. Ich kann mir nicht vorstellen und ich bin auch nicht so ein “Techi”, aber was geht denn sonst noch außer “online”? Vielleicht Chips, die dir direkt ins Gehirn gepflanzt werden! Und “online” steckt ja noch in den Kinderschuhen, wie wir alle wissen. Es wird noch Jahrzehnte dauern bis diese Medien fertig entwickelt sind, wenn sie überhaupt mal fertig entwickelt sein sollten.[...]

(*Anm.d.Red.: Technik-Freak)


Hast du denn trotz alledem immer noch gerne eine Zeitung in der Hand?
Ja, ich les’ selber gerne Zeitung – morgens immer die Süddeutsche. Ich lese eigentlich sogar lieber Print als “online”. Da bin ich ein bisschen “old-school”. Ich les’ Spiegel, Stern natürlich und noch andere Magazine und Tageszeitungen. Ich mache das gerne, weil es meiner Meinung nach als Leser einfacher ist. Man hat irgendwann diese Endlichkeit erreicht – der Spiegel ist halt irgendwann durch. Was dich interessiert hat, hast du gelesen. Online stößt du von einem zum nächsten, verlierst dich, super interessant, findest natürlich viel mehr Informationen und ab und zu überfordert mich das auch.[...]

Also hat diese Begrenztheit der Informationsmenge eines Printmediums doch etwas….?
Ja, ich seh’ das, wenn ich mir eine Geschichte “online” schnappen will, komme ich doch dann schnell wieder zu etwas anderem. Ein Hyperlink, der gesetzt wurde, der bringt mich raus, der bringt mich zum Nächsten Text. Die Möglichkeiten die “online” bringt führen als Konsument oft dazu, dass man überfordert ist oder den Faden verliert finde ich.

Hast du vielleicht abschließend noch einen Tipp, für junge Journalisten, vielleicht aus deiner Erfahrung. Was hat dich weitergebracht in deiner Karriere?
Interessante Frage! Ich habe nicht besonders viele Praktika gemacht früher, auch nicht zur Schulzeit. Man sollte sich auf jeden Fall um solche Plätze kümmern und so früh wie möglich anfangen – versuchen als “Freier” irgendwo zu arbeiten und wenn man Lust hat ganz früh an die Verlage herantreten. Online-Redaktionen werden niemals so besetzt werden wie Print-Redaktionen zu ihren besten Zeiten, weil man damit tendenziell nicht so viel Geld verdienen kann, deswegen werden auch Praktikanten “online” häufig als Vollzeitkräfte “missbraucht”. Das führt wiederum dazu, dass schon die Praktikanten gut sein müssen. Das heißt als Anfänger kommt man bei größeren Publikationen schon gar nicht mehr unter. Deshalb sollte man den klassischen Weg über Lokalzeitungen etc. schon ganz früh gehen, um dann irgendwann im Studium zu sagen “ich hab’ schon Praktika da und da gemacht”. Dann hat man Chancen auch bei den großen Medien als Langzeitpraktikant oder Freier reinzurutschen…
Aber das macht ihr ja schon hier bei euch – gute Vorraussetzungen!

Vielen Dank für das Gespräch!!