Ingo Appelt Wie die fleißigen „marie“-Leser unter euch vielleicht schon gehört haben, hat unsere Schülerzeitung den ersten Platz beim Schülerzeitungswettbewerb der Provinzial-Versicherungen erreicht (marie berichtete). Unseren Preis durften wir Anfang Juni in Gelsenkirchen einlösen: Komiker Ingo Appelt gab sich die Ehre, traf uns zum Interview und lud anschließend zu seiner Abendshow „Männer muss man schlagen“ ein.

Herr Appelt, Sie kommen aus dem Ruhrgebiet. Das Ruhrgebiet wird im nächsten Jahr Kulturhauptstadt Europas sein. Finden Sie als „Ruhrpöttler“ die Wahl berechtigt?

Appelt: Ich finde das ist schon berechtigt. Ich meine, das Ruhrgebiet hat seine besten Zeiten hinter sich und muss sich neu erfinden. Früher war es immer Kohle hier im Revier, aber das ist vorbei und wir mussten Neues finden. Und genau das ist das Interessante, denn das müssen wir eigentlich auch weltweit. Das sieht man ja jetzt an dieser Finanzkrise, wir müssen viele Sachen einfach neu erfinden und ganz neu machen. Das passt ja auch zu meinen Männerthema: Das hat auch so ein Image-Problem von wegen ‚früher war alles besser’.

Sind Sie vielleicht deshalb auch ein wenig stolz auf das Ruhrgebiet, dass es geschafft hat, sich neu zu erfinden und jetzt Kulturhauptstadt Europas wird?

Appelt: Naja, also das ist eigentlich ganz lustig. Ich hab ja gar nicht so diesen Heimatbezug zum Ruhrgebiet. Ich mein, ich bin hier zwar bis zu meinem elften Lebensjahr groß geworden, bin dann aber nach Bayern gezogen, nach Würzburg, ins Frankenland. Und dort war ich immer der Preuße, der aus dem Ruhrgebiet kommt, so der Depp halt von da oben. Und immer wenn ich ins Ruhrgebiet gefahren bin, hieß es: ‚Guck mal, da kommt der Bayer, der Franke, der Dreckssack. Also ich fand es eigentlich immer ein bisschen komisch, weil du weder dahin noch dorthin gehörst . Das hat mich auch so ein bisschen geprägt, also ich fühle mich gar nicht so dem Ruhrgebiet verbunden, sondern eher so als Deutscher, als Europäer. Ich fühl mich eigentlich irgendwo zu Hause, wo es irgendwie schön ist.
Ich bin aber ganz gerne im Ruhrgebiet, weil ich den Menschenschlag gern mag. Also die Leute, die sagen können: ‚Hömma, ich hau dir gleich ein auf die Schnauze hier’- aber hinterher wieder ein Bierchen zusammen trinken gehen. Das gefällt mir.

Werden Sie denn im Rahmen des Kulturprogramms nächstes Jahr „im Pott“ auftreten oder sich das Ganze mal anschauen?

Appelt: Ich glaube nicht, dass man das, was ich mache, als Kultur bezeichnen kann. Bis jetzt gibt es noch keine Anfragen. Ich werde mir das Programm aber auf jeden Fall anschauen.

Wenn Sie sagen, dass das, was Sie machen keine Kultur ist, was ist es denn dann?

Appelt: Das ist Späßchen. Ich bin selber nur ein Hauptschüler und da hat man mit dem Begriff „Kulturträger sein“ erstmal ein bisschen Probleme.
Kultur heißt für mich Oper oder hat etwas mit klassischer Musik zu tun. Meine Frau ist Kulturbetreibende, also die macht klassische Musik, ist Pianistin. Sie hat eine Ausbildung gemacht, hat das gelernt, beschäftigt sich mit Komponistinnen. Das empfinde ich als Kultur, aber, wie z. B. früher bei mir, mit einem „Ficken“-Schild auf der Bühne zu stehen, ob man das als Kultur bezeichnen kann? Damit hab ich ein paar Probleme.

2009 wird in Deutschland auch das „Superwahljahr“ genannt. Wir haben gelesen, dass Sie sich schon in unserem Alter stark politisch engagiert haben. Wie kam es dazu?

Appelt: Das war so zwangsläufig. Ich hab mit 15 meine Ausbildung bei Siemens angefangen, als Korruptionsbeauftragter. (lacht; alle lachen). Ne Quatsch, als Maschinenschlosser.
Da gab es dann irgendwann die Wahl zum Jugendvertreter, da war ich 15, also im ersten Lehrjahr, aber es hat mich irgendwie interessiert.
Ich war bekannt dafür, die Fresse nicht zuzukriegen. Ich hatte eben eine große Klappe. Mein Ausbilder hat nach 3 Tagen gesagt: „Appelt, wenn du mal 5 Minuten die Fresse halten musst, stirbst du einen Heldentod“. Und das ist bei den Leuten gut angekommen, und haben mich schlagartig zum Jugendvertreter gewählt. Dann wurde ich vorsitzender Jugendvertreter und musste auch Reden halten und so weiter. Ich fand das toll. Daraufhin bin ich gleich in die IG-Metall eingetreten und war auch immer bei allem dabei, ich war so ein ganz Engagierter.
So bin ich dann irgendwann zur SPD gekommen, da bin ich auch heute noch Mitglied. Ich hab damals schon sehr viel diese ganzen Sachen gemacht, war jedes Wochenende weg. Es gibt nicht so viele Jugendliche, die sich engagieren, da wirst du zugeschissen mit Terminen. Ich war dann selber Jugendbildungsreferent, hab deutschlandweit Seminare für Jugendvertreter gemacht. War dann sogar bei der Gesamtjugendvertretung bei Siemens, das war ganz toll. Ich hab mich damals eher als Jugendvertreter verstanden als ein Maschinenschlosser. Als ich wollte gar kein Malocher sein.

Wir haben gelesen, dass sie lieber Politiker geworden wären und dann sind sie doch Comedian geworden. (Appelt: Ich bin froh.) Für viele Bürger sind ja Politik und Comedy nicht unbedingt getrennt, aber wann gesteht man sich als Politiker ein ‚ich kann doch besser Witze machen’?

Appelt: Ja, das hab ich schnell gemerkt. Beispielsweise, wenn du als Jugendvertreter Reden hältst, dann musst du dich an die Wahrheit halten, kannst nicht Scheiße reden.
Ich hab einmal in meiner Ausbildung vor 2500 Leuten geredet. Ich war der Einzige, der überhaupt etwas gesagt hat. Ich bin ohne Script da hoch und hab mir in die Hose gemacht vor Angst. Und dann hab ich abgezogen: Ich habe die Geschäftsleitung beschimpft, ich hab gesagt: „Dankeschön, dass ihr die Auszubildenden alle dieses Jahr nicht übernehmt.. Herzlichen Glückwunsch, Applaus, toll! Und dass ihr eure leitenden Angestellten, weil die alle so viel verdienen, dass ihr deren Finanzen nicht mehr aufstocken könnt, dass die jetzt alle einen Mercedes-Benz vor die Tür gestellt bekommen haben. Vielen Dank! Vielen herzlichen Dank möchte ich noch mal sagen, auch im Namen der Auszubildenden.“
Die Siemens-Mitarbeiter saßen da: „Das macht der jetzt nicht wirklich!“ Eigentlich ist es ja witzig, aber es hat keine Sau gelacht. Alle dachten: „Das sagt der jetzt nicht, um Gottes Willen.“ Aber hinterher, als keiner geguckt hat, kamen sie alle so: „Toll, super, Ingo!“
Daher kommt auch meine Neigung zu dem Umstrittenen. Das was man nicht sagt, was man nicht macht, mir quasi zur Aufgabe machen: So, jetzt mach ich das erst recht.
Das, glaube ich, ist da so ein bisschen entstanden.
Das InterviewUnd dann bin ich als Kabarettist aufgetreten, hab die gleichen Dinge erzählt wie vorher auch, nur noch viel überzogener und da haben sie gesagt: „Richtig, Ingo, genau, Ingo, super, Ingo. Weiter so!“ Und da hab ich gemerkt, dass man als Politiker erst mal lernen muss zu lügen. Und du musst eine Teflon-Mentalität entwickeln, alles muss an dir abperlen, du darfst dir keine Skandale erlauben, du musst anständig sein, brav, du musst eine tolle Biographie haben. Das kann ich nicht bieten, ich glaube, das wäre mir zu anstrengend.

Sie haben vorhin gesagt, dass Sie sich bei ihrem ersten Auftritt fast in die Hose gemacht hätten. Wenn man da vor wichtigen Personen redet, gehört ja auch ein gewisser Mut dazu. Gibt es eine gewisse Schwelle, die Sie übertreten mussten?

Appelt: Also ich würde es zuerst einmal als Geltungsdrang bezeichnen. Das heißt, du hast erstmal das Bedürfnis, da oben zu brillieren. Du möchtest im Rampenlicht stehen, der Besondere, der Tolle sein. Willst allen beweisen: der kleine Ingo hat die größte Fresse. Aber wie das immer ist, wenn man vor etwas Angst hat, muss man natürlich gerade deswegen da ran gehen. Ich hatte dann immer diesen Spruch „Mut zum Größenwahn“ (alle lachen).
Es geht mir aber heute auch noch so, ich hab immer noch unglaubliches Lampenfieber – vor allem wenn es Fernsehauftritte sind oder Auftritte, bei denen du nie so genau weißt, wie das läuft. Also heute Abend wird es gehen, das mache ich ja regelmäßig, da ich auf die Bühne gehe wie andere in die Küche. Das geht schon. Aber im Fernsehen, da ist es oft so: Du hast drei Minuten Zeit, es muss alles sitzen, wenn du den Gag versemmelst – Scheiße.
Im Fernsehen kann sehr viel schief gehen und bei mir ist schon viel schief gegangen.

Und wie ist das „schief gehen“ für Sie?

Appelt: Schlimm. Vor allen Dingen, weil es immer so unvermutet ist. Ich weiß natürlich, dass es gewisse Stolpersteine gibt – wenn ich auf die Bühne gehe und sage „Papst“ ,weiß ich genau: das gibt Ärger. Kirche, Kinder – das sind schwierige Themen. Frauen genauso, das geht meistens schief.
Aber es passieren die tollsten Sachen. Damals bei Pro 7 haben sie mich rausgeschmissen, weil ich mit Babypuppen Fußball gespielt habe. Dabei hab ich wesentlich Schlimmeres gemacht im Fernsehen. Ich bin als Vampir hinter einer Frau hergerannt und weil ich an ihr Blut wollte, hab ich ihr den Tampon immer herausgezogen. Das fand ich wirklich ekelhaft, aber das fanden sie wiederum lustig.

Gibt es dann irgendwann so einen Punkt, wo man sagt „jetzt schmeiß ich alles hin?“ Oder hatten Sie das nie?

Appelt: Ich kann nichts anderes und Siemens nimmt mich nicht mehr (lacht).
Nach dieser Pro7-Geschichte war es grenzwertig. Der Bruch war extrem, es ging von 3000 Zuschauern runter auf 100 pro Abend. Das war echt bitter, da war gar nichts mehr los. Aber ich hatte eine schwangere Frau zu Hause und dann ist ein Kind da, das du versorgen musst. Dann kannst du nicht einfach sagen: „Ne ich mach jetzt nichts!“

Aber man kann doch dann auch nicht einfach so lustig sein, oder?

Appelt: Also ich sage ganz ehrlich: am Anfang war das hart. Da war die Panik sehr groß, weil der Druck so groß ist. Es hat aber auch etwas für sich, diese Panik, weil dann der Mut der Verzweiflung kommt. Der ist ja dann auch manchmal sehr lustig. Das lustigste auf der Welt ist ein Mann, der ein Problem hat – und ich hatte ein Problem!

Hat die Kritik an Ihrer Art Comedy zu machen etwas verändert? Machen Sie jetzt andere Witze als vorher?

Appelt: Ich versuche geschickter zu sein, das ist alles Taktik. Man kann natürlich schlechte Witze erzählen, das ist kein Problem. Aber wenn du es hinkriegst, die Witze so herüberzubringen, dass die Leute mitziehen – das ist es! Einmal habe ich in meiner Rudolf Scharping-Parodie einen völlig versauten Witz erzählt. Aber mit der langsamen Stimme von Rudolf Scharping war das ein absoluter Brüller! Wenn man eine Technik, eine Taktik findet, um das umzusetzen, was man sich vorgestellt hat, dann funktioniert das, aber man muss sehr geschickt sein.

GruppenbildWenn man als Komiker merkt, dass man diese Taktik noch nicht gefunden hat und einiges schief geht, spielen dann Selbstzweifel eine Rolle?

Appelt: Zweifel ist mein zweiter Vorname. Ich bin jemand der alles in Frage stellt. Auch wenn ich auf der Bühne stehe – ich zweifle an allem und jedem, und natürlich auch an mir. Das ist aber teilweise auch ganz gut: Wenn ich mir einen Witz ausdenke, dann zerhacke ich ihn ziemlich lange. Wenn er mich überlebt, dann ist er gut. Ich stelle sämtliche Behauptungen sofort in Frage. Zweifel sind sozusagen mein Lebenselixier, ich kann ohne sie gar nicht leben.

Haben Sie jemanden, dem Sie Ihr Programm vor der Premiere vorsprechen?

Appelt: Nein, gar nicht. Mein bester Freund ist mein Publikum, das müssen die aushalten. Ich weiß selber nie so genau, ob ein Programm wirklich gut ist, das sagt mir nur mein Publikum. Ob ein Auftritt funktioniert hat, weiß ich erst, wenn ich von der Bühne gehe.

Unsere Redaktion kann bestätigen: Ihr Programm hat funktioniert!
Wir möchten uns in diesem Sinne nochmal bei Ingo Appelt für das nette Gespräch und bei der Provinzial-Versicherung für den tollen Preis bedanken!