So viele Wettbewerbe...Welches Wort ist gesucht? Alle wollen sie, alle fordern sie, alle finden sie wichtig – und niemand scheint genug davon kriegen zu können: Toleranz.
Eigentlich habe ich immer gedacht, wir wären eine tolerante Gesellschaft. Aber der Spiegel-Schülerzeitungswettbewerb hat mich nachdenklich gemacht. Schon wieder eine Aktion, in der man in einer Extrarubrik Beiträge zum Thema Respekt einreichen soll. Auf Biegen und Brechen sollen wir uns Gedanken zu der „Problematik“ machen. Natürlich: Toleranz ist wichtig und unbedingt nötig, um in Frieden leben zu können. Das sollte für jeden klar sein. Aber sind wir wirklich so intolerant, dass ständig von neuem dazu aufgefordert werden muss?
Im Alltag auf der Straße gibt es für viele die typischen Signale, die das kleine Knöpfchen „Sei tolerant!“ im Gehirn betätigen: schwarze Hautfarbe, Kopftuch, der rote Punkt auf der Stirn… Solche Symbole finden sich auch an unserer Schule, doch ein Knöpfchen braucht unser Verstand nicht mehr. Um festzustellen, dass eine Schülerin ja gar nicht dieselbe Hautfarbe besitzt wie wir, benötigte es eine ganze Redaktionssitzung zum Thema Respekt, ein brauner Teint fällt uns einfach nicht mehr auf.
Trotzdem erinnern uns die Medien immer wieder daran, wie intolerant wir doch sind. Sind es nicht genau diese Aktionen, die uns den Unterschied zwischen zwei Menschen überhaupt erst bewusst werden lassen? Bin ich nicht genau dann intolerant, wenn ich die genannten Symbole als Warnsignale erkenne und Übertoleranz vorspiele? „Ups, schwarze Hautfarbe, immer schön lächeln und nicht so auffällig hingucken“ – so ein Schwachsinn!
Das Thema Toleranz und Respekt lässt uns nicht los. Und in kaum einem anderen Land sind die Forderungen danach so groß wie bei uns. Klar, denn es ist ein wunder Punkt in der Geschichte der Deutschen. Nach dem Dritten Reich sind wir quasi dazu verpflichtet, tolerant zu sein, fast schon übertolerant. Ein krummes Wort über Ausländer, ein kleiner Blick in Richtung eines Schwarzen, schon wird das beliebte Knöpfchen in unserem Kopf gedrückt. Doch rechtfertigt unsere Geschichte die Forderung nach Übertoleranz?
Noch immer gibt es Leute, die die Menschenrechte mit Füßen treten und meinen, Deutschsein sei das einzig Wahre. Aber ich finde, der Großteil unserer Gesellschaft ist auf einem guten Weg der Toleranz. Dennoch wird uns ständig der Eindruck vermittelt, wir seinen noch nicht respektvoll genug und müssten noch mehr tun. Dabei sollten wir uns einmal auf das stützen, was wir schon erreicht haben!
Ich habe Angst, dass das Thema Toleranz irgendwann zur Nervensäge wird. Dass wir irgendwann abschalten, wenn wieder jemand mehr Respekt fordert, weil wir gar nicht mehr wissen, was eigentlich von uns verlangt wird. Damit würden wir riskieren, den wenigen Radikalen auch nur im Unterbewusstsein den Hauch von Zustimmung zu geben.