„Sprichst du Deutsch?“ – „Non, French!“. An einem Abend in der Eingangshalle meiner Schule treffe ich durch Zufall auf Condé. Er kommt aus Guinea, Westafrika, ist 22 Jahre alt, spricht Französisch und elf andere Sprachen. Seine Muttersprache ist Malengue, „das ist mit Bambara (eine andere Ursprache seines Landes, Anm. d. Red.) verwandt“, erzählt er mir bei unserem zweiten Treffen.
Vor etwa drei Monaten ist er in Düsseldorf gelandet, mit nur einem Satz Kleidern und keinem Satz Deutsch. Die erste Nacht verbrachte er auf der Straße, dann kam er über ein Aufnahmelager in Schöppingen nach Borken. Das war Anfang Januar.
Gemeinsam mit einem Freund, der besser Französisch spricht als ich, besuche ich ihn in seinem neuen Zuhause, einem Zimmer in einem leeren alten Bauernhaus. Trotz unserer Vereinbarung ist nicht ganz klar, ob er mich erwartet hat – ich klopfe laut an die offen stehende Tür.
„Salut – Ca va?“, begrüßt uns Condé. Er trägt ein T-Shirt und eine Sporthose mit dem Logo der deutschen Nationalmannschaft. In seinem Zimmer läuft eine CD mit französischem Rap. Er selbst rappt auch: Hier schreibt er nur an seinen Texten, aber in Conakry, der Hauptstadt seines Heimatlandes, veranstaltete er kleine Shows auf der Straße. Zusammen mit Freunden verteilte er Flyer und rappte dann oft abends vor Publikum.
Condé bietet uns Tee mit Zitrone an und fischt die beiden einzigen Tassen aus einem Eckschrank in dem vollgestellten Zimmer. Direkt neben der Tür stehen ein Kühlschrank und ein Tisch, ein Bett und ein großer Kleiderschrank lassen wenig Platz frei. Kurz verschwindet er und macht sich etwas zu Essen, Reis und Nudeln mit Hühnchen. „Hier gibt es keinen, der irgendetwas für mich kocht, ich muss mich komplett selbst versorgen“, sagt er.
Alleine zu essen ist Condé sicher nicht gewohnt. Seine Mutter ist die zweite von vier Frauen seines Vaters, er hat mehr als 20 Geschwister. Wie viele genau weiß er nicht. „Il faut calculer“ – man müsste es nachrechnen. Der Name seines Vaters ist über die Grenzen von Conakry hinaus bekannt. Er ist ein guter Freund des Präsidenten gewesen. Später erfahre ich bei Recherchen, dass er, nach 15-jähriger Amtszeit, Ende Dezember gestorben ist.
„Ich war nie in einer Schule angemeldet“, erzählt Condé. Sein Vater wollte nicht, dass er zur Schule geht – er brauchte ihn für die Arbeit auf den Ländereien. Condé ging trotzdem, einfach so, und setzte sich mit in die Klasse seiner Freunde, um möglichst viel aufzuschnappen. Seine Augen glänzen, während er davon erzählt, wie oft er Klassenbester war – hier schlägt er sich seit Wochen nur mit ein paar Wörtern durch: „Hast du Zigarette?“, Scheiße, Fahrrad, Bier, „Ich liebe dich!“, Essen, ja und nein – das ist alles. Sechsmal war er jetzt im Deutschkurs für Ausländer. „Ich will es unbedingt lernen“, sagt er. „Ich möchte hier eine Familie gründen, mit einer deutschen Frau.“
Im Nächsten Teil: Warum ist Condé eigentlich nach Deutschland gekommen?
Vorsichtig wollen wir wissen, warum er denn überhaupt in Deutschland ist. Er setzt sich aufrecht auf die Bettkante, hält kurz inne und fängt an zu erzählen. Eine verworrene Geschichte mit vielen Unklarheiten für uns: Das Blatt hatte sich gewendet. Sein Vater wurde plötzlich verfolgt, er wurde von Militärs gesucht und sollte getötet werden. Dann kam er ins Gefängnis, aber Condé und der Familie wurde ständig Gewalt angedroht. Er reiste etliche Kilometer zu Fuß zum Gefängnis, um mit seinem Vater zu sprechen, bohrte ein Loch durch die Wand und konnte ihn trotzdem nicht erreichen. Am Ende landete er im Flugzeug und schließlich hier in Deutschland – als politischer Flüchtling.
Was er von Deutschland hält? Darauf hat er eine knappe, aber weise Antwort: „Es gibt überall gute und schlechte Menschen, überall.“ 183 Euro bekommt er im Monat als „Überlebensgeld“, Zimmer und Einrichtung werden ihm gestellt. „Eigentlich bin ich damit zufrieden – ich arbeite schließlich nicht und kriege alles umsonst.“ Andererseits träume er davon, mehr von Deutschland kennenzulernen. Keiner zeigt ihm interessante Plätze in der Umgebung oder etwas, das „typisch deutsch“ ist. Einmal bekam er in einer Bar kein Bier, sie misstrauten ihm und schmissen ihn am Ende raus. Überall, wo er ankommt, schaut er erst, ob er dort wohl auch akzeptiert wird – er ist vorsichtig.
Immer wieder sollen wir „gut zuhören“, denn er erzählt von Hexerei in Afrika, Pferden, die sprechen können, oder, fast melancholisch, von der Kraft, die seine Mutter ausstrahle. Seine Lebensgrundlage ist schwer durchschaubar. „Quand tu perdes ton père tu n’ as perdu rien, quand tu perdes ta mère, tu n’ as perdu rien. Quand tu perdes ton courage, tu as perdu tout.“ – Wenn du deinen Vater verlierst, hast du nichts verloren, wenn du deine Mutter verlierst, hast du nichts verloren,
wenn du deine Courage verlierst, hast du alles verloren. Schwierig, das zu erklären. Bitterkeit klingt da mit, in seinem langsamen, harten Französisch.
Unter dem Auge hat Condé eine große dunkle Narbe – um das zu erklären bräuchte es “mindestens noch ein Treffen”, sagt er uns am Ende. Später will er unbedingt die Fotos sehen – meine Kamera hatte er misstrauisch beäugt. Wer weiß, ob er schon mal eigene Bilder von sich in der Hand hatte.
Herzlichen Dank an Jean-Maurice Arcq, der beim Übersetzen half.






14 Kommentare zu diesem Artikel
1
Ein sehr starker Artikel mit einem meisterhaftem Wortspiel in der Überschrift!
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Geiler Artikel Josche, du hast es voll drauf alter Reimer. “Ein Satz Kleider und kein Satz Deutsch” wirklich grandios!
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Der Artikel ist echt gelungen, Josche!
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Echt super Artikel! Bleibt ihr weiter in Kontakt mit Condé? Es wäre sehr schön, nochmal zu hören, wie es ihm in einem halben Jahr geht…
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Ich hab ihn am Freitag durch Zufall in Borken getroffen und am nächsten Wochenende soll er die Fotos und den Artikel kriegen :)… Danke für die Anregung!!
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Hey josche!
Mensch,der Artikel ist dir echt gelungen! Voll interessant, gut geschrieben =)
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Ich finde den Artikel auch sehr gelungen. Außerdem fände auch mal interessant wie das Leben von Condé weitergeht und wie es sich entwickelt.
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ein sehr interessanter artikel , der einen bewegt..
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Eine sehr informative seite, gerade für uns schüler. Meine Meinung hierzu ist eindeutig positiv. Weiter so!
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Eine sehr informative Seite, die einige Aspekte des Alltags in der Schule uns zeigt!
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Das ist echt interessant zu erfahren wie solche Leute nach Deutschland kommen,wo Condé doch vorher kein Wort deutsch konnte und dafür egentlich ganz gut klar kommt,zumal er sich auch nicht beschwert.Es bewegt einen die Gesichte zu hören und es wäre echt cool,wenn ihr mehr über Condé berichten könntet,wie es weiter geht mit ihm.
Ein echt gelungener Artikel!
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Der Artikel ist sehr eindrucksvoll, da man wirklich erfährt, was Condé alles passiert ist. Außerdem ist es echt bewundernswert, wie man sich mit so wenigen Deutschkenntnissen durchschlagen kann und, wie man mit so wenig, wie Condé hat zufrieden sein kann.
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Ich finde den Artikel sehr interesant und sehr gelungen, einfach toll!
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Ich finde diese Form von Schülerzeitung sehr interessant,besonders gefällt mir die Multi-Kulti Reihe aber ich finde ihr könntet ruhig etwas mehr Videos reinstellen,wo ihr verschiedene Schüler nach deren Meinung fragt.
8das ist übrigends meine Deutschhausaufgabe :-))
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