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Es war einmal eine PISA-Studie, die die Fähigkeiten der Schüler in aller Herren Länder messen wollte. Diese erregte in einem kleinen Land mitten in Europa e-normes Aufsehen, denn die Schüler im Lande der einstigen Dichter und Denker schnitten sehr schlecht bei dieser Messung ab. Im internationalen Vergleich schafften es die deutschen Schüler im Fach Mathematik gerade mal auf Platz 19, in der Lesefähigkeit lagen sie an 21. Stelle und in den Naturwissenschaften waren 17 andere Länder besser.
So geschah es, dass jeder im Lande plötzlich in Talkrunden, Foren und anderswo etwas Schlaues über die Bildungshinterbänkler der Welt äußern musste. Auch im Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein–Westfalen traf man sich zur Debatte und suchte nach einer Lösung für die Misere. Manche machten die faulen Schüler für den Bildungs-GAU verantwortlich, andere meinten, unmotivierte Lehrer seien das Problem, und wieder andere kritisierten ideologisch das ganze Bildungssystem.
Das bestehende System musste unbedingt reformiert werden, dessen war man sich schnell bewusst, und kam so zu dem Schluss, dass ein Zentralabitur hermüsse. Jedes kleine Schülerlein im Land solle die gleichen Prüfungen ablegen, denn das führe zu einem festgesetzten Leistungsstandard und zu sonstigen Dingen, die sich gedruckt und in Politiktalkrunden im Fernsehen sehr gut anhören. Und da niemand eine bessere Idee hatte, wurde es so beschlossen.
Zahlreiche Proteste von Lehrern, Eltern und Schülern nutzten nichts und auch wenn es selbst von Seiten der Organisatoren Bedenken gab, ob man denn bis zum Jahr 2007 alles für ein derartiges Unterfangen in die Wege leiten könne, ließen sich die tapferen Retter der nordrhein-westfälischen Bildung bei ihrer Mission nicht beirren . Sie führten per Gesetz ein, dass jede Gesamtschule und jedes Gymnasium in unserem kleinen Bundesland dazu verpflichtet, die gleichen Abiturklausuren zu schreiben zu lassen.
So geschah es, dass am 26. März des Jahres 2007 erstmals an etwa 800 Gymnasien und Gesamtschulen in unserem kleinen Bundesland die gleichen Klausuren geschrieben wurden und man sich im Leistungskurs Deutsch zu den unterschiedlichsten Themen zu äußern hatte, bevor man sich in den nächsten Tagen und Wochen mit allem auseinandersetzen konnte, was man als Abiturfach für sich bestimmt hatte.
Insgesamt waren alle gestellten Klausuren gerecht, auch wenn man von den Autoren der Prüfungen hätte erwarten können, dass sie die Gedichte richtig abtippen – manchmal macht auch ein Buchstabe in einem barocken Sonett eine Menge aus – in Biologie die richtigen Stoffe angeben (hier sorgten falsche Beschriftungen von Diagrammen durchaus für eine Verunsicherung der Absolventen) oder in der Chemie exakte Werte in die Aufgaben einarbeiten, die ein problemloses Lösen der Aufgaben unbedingt erfordert.
Fehlerlos feierte das Zentralabitur seine Premiere also nicht und so gibt es bereits leise Stimmen, die sagen, dass auch die Autoren den Schülern Fehler zugestatten sollen, um eine ausgleichende Gerechtigkeit, die man ja schließlich mit den Zentralabitur erreichen wollte, herzustellen.
Ob die Klausuren letztendlich so benotet werden, wie man es im Gefühl hat, ist nicht sicher, denn die Bewertung liegt nicht im freien Ermessen des Lehrers. Auch, wenn das Gefühl bei der Mehrzahl der Prüflinge gut war, sollte man vielmehr genau das geschrieben haben, was im Erwartungshorizont steht. Denn nur danach werden Punkte vergeben, die dann über eine gute oder mangelhafte Leistung entscheiden. Individuelle Leistung und Kreativität, die ja eigentlich in der Schule gefördert werden sollen, finden, wenn sie jenseits statischer Bewertungsschemata liegen, keine Beachtung. Dennoch endet auch dieses Märchen, wie jedes andere: Und wenn es sich bewährt, so schreiben die Schüler in unserem kleinen Land in allen Zeiten ein zentral gestelltes Abitur.

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