Kommentar
Etwa zur gleichen Zeit, als die ersten Mädchen in das Gymnasium Mariengarden aufgenommen wurden, wechselte ich von der Städt. Realschule für Jungen und Mädchen in die Klasse 11 des Gymnasium Petrinum in Dorsten. Mädchen wurden dort schon seit zwei Jahren aufgenommen, in den höheren Klassen waren sie aber naturgemäß noch nicht vertreten.
So saßen wir da – zwei Mädchen – und hundertsechsundneunzig Jungenaugen starrten uns an, als unsere Namen in der ersten Stunde nach den Sommerferien verlesen wurden. Es war eine andere Welt, in die wir hinein tauchten. An der Realschule waren gemeinsame Feier und Kinobesuche von Mädchen und Jungen schon seit Klasse 8 üblich. Die reinen Jungenklassen des Petrinums hatten das andere Geschlecht noch gar nicht entdeckt. Zum Geburtstag wurde nachmittags zu Kakao und Kuchen eingeladen, in den Pausen wurde Fußball oder Karten gespielt. Mit uns Mädchen spielte natürlich keiner.
Auch die Lehrer waren vorsichtig. Mancher Lehrerwitz wurde mit den Worten eingeleitet: „Da müssen die jungen Damen jetzt mal weghören!“ Zog man den Jungen durchaus bei manchen Gelegenheiten die Ohren lang, hieß es bei uns allenfalls „Aber meine Damen!“ Privilegiert waren auch unsere Toilettenbesuche, wir erhielten einen Schlüssel für die Lehrertoilette in den Fertigbaupavillons.
Zwei Jahre später sah die Welt schon ganz anders aus, ich konnte perfekt Doppelkopf spielen und kannte die Bundesligatabelle auswendig. Den Schlüssel zur Lehrertoilette mussten wir abgeben, Witze wurden ohne Einleitung gebracht und gewisse Hormonschübe hatten dafür gesorgt, dass aus den kindlichen Jungen von damals ganz nette junge Männer geworden waren.
Ulrike Hölting






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